Weihnachtsabend 1945

 

 

Meine Mutter hatte mich kleinen Jungen fest an die Hand genommen. Es war das typische Schmuddelwetter in unserer norddeutschen Stadt und nicht das gewünschte Weihnachtswetter mit Schnee und Flockengestöber. Wir kamen aus dem festlichen Gottesdienst und es war inzwischen sehr dunkel geworden, nur vereinzelt leuchteten die Straßenlaternen. Zuhause war es hell und warm und darauf freuten wir uns. Es kamen uns zwei große Männer entgegen. Sie trugen lange khakifarbene Mäntel und so waren sie als fremde Soldaten zu erkennen. Ich schmiegte mich ein wenig ängstlich an den Mantel meiner Mutter und wollte wohl hinter diesem verschwinden als die Männer vor uns stehen blieben.

Einer war schwarz. „Oh“ ein schwarzer Mann, gehört hatte ich ja schon davon, aber gesehen hatte ich noch keinen. Dieser beugte sich dann auch noch zu mir herunter und wollte mir etwas geben. „For you, Jesus is born and i want every child to be happy, you too.” Ich verstand kein Wort. Meine Antwort waren Tränen, die über meine Wange liefen. Dann drang die Stimme meiner Mutter zu mir durch: „Der Mann möchte Dir etwas zu Weihnachten schenken und wünscht sich, dass Du fröhlich bist“. Sie gab mir noch einen kleinen Schubs, begleitet von „Nun nimm schon“. Der Mann ging in die Hocke und hielt das Päckchen zum Greifen nahe „It’s chocolate“. Das hatte ich verstanden und in der Überraschung blickte ich zu ihm auf. Auch er strahlte nun über das ganze Gesicht, sodass die weißen Zähne blinkten. Mit seiner großen Hand streichelte er mir die Tränen aus dem Gesicht.

Ich soll bei späteren Begegnungen mit schwarzen Männern immer freundlich gelächelt haben.

 

 

Phil Sternpark

 

08.06.2006